Korkus kronus
Es ist frĂŒher Abend in der Donaugasse. Der KĂŒnstler und Naturbeobachter Robert Weber befindet sich auf einem seiner regelmĂ€Ăigen ForschungsstreifzĂŒge, als aus einer GaststĂ€tte Stimmen dringen.
Dann zerreiĂt ein markantes GerĂ€usch die Stille:
Plopp.
Wenige Sekunden spÀter fÀllt ein kleines, metallisch glÀnzendes Wesen auf das Pflaster. Es dreht sich mehrmals um die eigene Achse und bleibt mit der gezackten Seite nach oben liegen.
Weber nĂ€hert sich vorsichtig. Schnell erkennt er: Vor ihm liegt ein ausgewachsenes Exemplar des bislang kaum erforschten Korkus kronus, im Volksmund auch âGemeiner Bodendeckerâ genannt.
Lebensraum und Verbreitung
Der Korkus kronus besiedelt bevorzugt Gehwege, ParkplĂ€tze und GrĂŒnanlagen. Besonders erstaunlich: HĂ€ufig findet man ihn nur wenige Meter von einem MĂŒlleimer entfernt.
Da das Wesen weder Beine noch FlĂŒgel besitzt, beginnt Weber mit einer lĂ€ngeren Beobachtung.
Schon bald nÀhert sich ein Homo bequ Sekkelus. Er öffnet eine Bierflasche und hÀlt den Verschluss zunÀchst problemlos zwischen zwei Fingern.
Dann setzt die typische VerantwortungslÀhmung ein.
Die Finger öffnen sich. Der Kronkorken fÀllt zu Boden. Obwohl der Mensch den Vorgang eindeutig bemerkt, entfernt er sich.
Damit ist wissenschaftlich bewiesen:
Der Korkus kronus wandert nicht selbststÀndig in die Donaugasse. Er wird von einem Trottel dort ausgesetzt.
RĂ€tselhaftes Verhalten
Der menschliche Wirt kann eine volle Glasflasche problemlos ĂŒber weite Strecken tragen. Nach dem Ăffnen scheint der wenige Gramm schwere Deckel jedoch plötzlich das Gewicht eines Ambosses anzunehmen.
Forscher vermuteten zunÀchst körperliche SchwÀche. Inzwischen gilt eine andere ErklÀrung als wahrscheinlicher:
Dem Verursacher ist es schlichtweg scheiĂegal.
Zu Hause tritt dieses Verhalten kaum auf. Dort kennt der Mensch den Unterschied zwischen FuĂboden und MĂŒlleimer sehr genau.
NatĂŒrliche Feinde
Zu den natĂŒrlichen Feinden des Korkus kronus gehören StraĂenkehrer, Hausmeister, GeschĂ€ftsleute und freiwillige MĂŒllsammler.
Dabei zeigt sich eine klare gesellschaftliche Ordnung:
Der rĂŒcksichtslose Depp wirft seinen MĂŒll hin â der anstĂ€ndige Mensch bĂŒckt sich danach.
In der Fachsprache nennt man dies:
Arbeitsteilung unter Arschlöchern.
Ergebnis der Feldforschung
Der Korkus kronus ist ein kleines, metallisches Denkmal menschlicher GleichgĂŒltigkeit. Jedes Exemplar markiert den Ort, an dem jemand eine Flasche öffnen konnte, an der anschlieĂenden Entsorgung jedoch geistig gescheitert ist.
Robert Weber hebt den Kronkorken auf und wirft ihn in den nĂ€chsten MĂŒlleimer.
Doch aus der Ferne ertönt bereits das nÀchste:
Plopp.
Die Art ist nicht bedroht.
