Feldforschung in der Donaugasse
Es ist frĂŒher Morgen in der Donaugasse. Die GeschĂ€fte sind noch geschlossen, das Pflaster glĂ€nzt vom nĂ€chtlichen Regen und die ersten Passanten machen sich auf den Weg.
Plötzlich bleibt der KĂŒnstler und Naturbeobachter Robert Weber stehen.
Mitten auf dem Gehweg erhebt sich ein braunes, kunstvoll aufgeschichtetes Gebilde. Ăber seinem warmen Körper kreist bereits eine Fliege.
Weber nÀhert sich vorsichtig und erkennt ein ausgewachsenes Exemplar des selten dokumentierten:
Kakus hauffus
Im Volksmund ist diese Art als âder geheime Stinkerâ bekannt.
Lebensraum und Tarnung
Der Kakus hauffus besiedelt bevorzugt Gehwege, HauseingĂ€nge, GrĂŒnstreifen und schlecht beleuchtete PflasterflĂ€chen. Dort wartet er regungslos auf seinen natĂŒrlichen Verbreiter: den menschlichen Schuh.
Besonders erfolgreich ist seine Tarnung in der DÀmmerung. Wird er zu spÀt entdeckt, heftet sich ein Teil des Wesens an die Schuhsohle und reist in Wohnungen, GeschÀfte oder Fahrzeuge weiter.
Auf diese Weise verfĂŒgt der Kakus hauffus ĂŒber eine erstaunliche Reichweite.
Seine Anwesenheit wird hÀufig erst bemerkt, wenn der charakteristische Duft aufsteigt und sÀmtliche Mitreisenden beginnen, einander misstrauisch anzusehen.
Die Entstehung der Art
Lange war ungeklÀrt, wie der Kakus hauffus in die Donaugasse gelangt.
Robert Weber richtet deshalb einen Beobachtungsposten ein.
Schon bald erscheint ein Canis domesticus, ein gewöhnlicher Haushund. Hinter ihm lÀuft sein menschlicher Begleiter, der Homo wegsehikus.
Der Hund bleibt stehen, dreht sich mehrmals im Kreis und verrichtet schlieĂlich sein GeschĂ€ft. Der Vorgang ist vollkommen natĂŒrlich und aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu beanstanden.
Nun beginnt der entscheidende Teil der Beobachtung.
Der Mensch schaut kurz auf den Haufen. AnschlieĂend blickt er nach links und rechts. Sobald er sich unbeobachtet fĂŒhlt, setzt er sich in Bewegung und verschwindet.
Damit ist zweifelsfrei bewiesen:
Nicht der Hund ist das Problem. Das Arschloch befindet sich am anderen Ende der Leine.
Das rÀtselhafte Verschwinden der HÀnde
Der Homo wegsehikus besitzt normalerweise zwei funktionsfĂ€hige HĂ€nde. Mit ihnen kann er eine Hundeleine halten, ein Mobiltelefon bedienen und in sozialen Netzwerken ausfĂŒhrlich erklĂ€ren, was andere Menschen alles falsch machen.
In unmittelbarer NÀhe eines Hundehaufens verlieren seine HÀnde jedoch plötzlich jede Funktion.
Eine TĂŒte herausnehmen, den Haufen aufnehmen und im nĂ€chsten Abfalleimer entsorgen â fĂŒr gewöhnliche Menschen eine Sache von wenigen Sekunden â wird fĂŒr ihn zur unĂŒberwindbaren Aufgabe.
Forscher sprechen von einer akuten Aufhebehemmung bei gleichzeitigem Anstandsverlust.
Heilbar wÀre diese Erkrankung problemlos.
Man brĂ€uchte lediglich eine TĂŒte und einen Rest Erziehung.
Beides ist beim betroffenen Exemplar offenbar nicht vorhanden.
Das natĂŒrliche Jagdverhalten
Nach seiner Entstehung verharrt der Kakus hauffus geduldig an seinem Platz. Er bewegt sich nicht und gibt keinen Laut von sich.
Trotzdem ist er ein erfolgreicher JĂ€ger.
Seine bevorzugte Beute sind eilige Passanten, spielende Kinder, Rollstuhlfahrer und Menschen, die einen Kinderwagen schieben. Besonders gern lauert er dort, wo ein Ausweichen kaum möglich ist.
Kommt ein Schuh nÀher, schlÀgt er zu.
Tritt. Rutsch. Fluch.
Der Kakus hauffus hat sein Opfer gefunden.
Der Verursacher ist zu diesem Zeitpunkt lĂ€ngst verschwunden. Vielleicht sitzt er bereits zu Hause und beschwert sich darĂŒber, wie dreckig die Stadt geworden ist.
NatĂŒrliche Feinde
Zu den natĂŒrlichen Feinden des Kakus hauffus gehören Hausmeister, Ladenbesitzer, StraĂenkehrer und anstĂ€ndige Hundebesitzer.
Letztere beseitigen manchmal sogar die Hinterlassenschaften fremder Hunde, weil sie nicht möchten, dass alle Tierhalter fĂŒr das Verhalten einiger weniger Vollpfosten verantwortlich gemacht werden.
So entsteht auch hier die in der Donaugasse weitverbreitete gesellschaftliche Ordnung:
Der rĂŒcksichtslose Depp hinterlĂ€sst den Dreck â der anstĂ€ndige Mensch darf ihn wegmachen.
Besonders beeindruckend ist dabei die Geschwindigkeit, mit der sich der Homo wegsehikus vom Tatort entfernt. Eben noch schlenderte er gemĂŒtlich hinter seinem Hund her. Nach der Ablage des Haufens entwickelt er plötzlich die Schrittgeschwindigkeit eines olympischen Gehwettbewerbers.
Die Verantwortung bleibt zurĂŒck.
Ordentlich aufgeschichtet und leicht dampfend.
Wissenschaftliches Ergebnis
Der Kakus hauffus ist kein geheimnisvolles Naturwesen. Er wÀchst nicht aus dem Pflaster und fÀllt auch nicht vom Himmel.
Er ist die sichtbare Hinterlassenschaft eines Hundes â und die noch deutlich sichtbarere Hinterlassenschaft eines Menschen ohne RĂŒcksicht.
Denn der Hund kann seinen Haufen nicht selbst eintĂŒten.
Der Mensch könnte es.
Er tut es nur nicht.
Jedes Exemplar markiert deshalb exakt den Punkt, an dem ein Tier sein GeschĂ€ft verrichtet und sein Halter anschlieĂend charakterlich versagt hat.
Robert Weber nimmt eine TĂŒte, hebt den geheimen Stinker auf und entsorgt ihn.
Wieder beseitigt ein anstÀndiger Mensch den Dreck eines anderen.
Nur wenige Meter weiter geht bereits der nÀchste Hund in die Hocke. Sein Halter schaut sich verstohlen um.
Die Art ist nicht bedroht.
Solange am falschen Ende der Leine genug ScheiĂe unterwegs ist, wird auch auf dem Gehweg immer genĂŒgend davon liegen.
