Eine Feldstudie über das kleine Stück Dreck und den großen Mangel an Anstand
Mitten in der Donaugasse hat der Künstler Robert Weber eine bemerkenswerte Spezies entdeckt: den Stumulus zigarettus, im Volksmund auch „der eklige Gelbling“ genannt.
Er lebt bevorzugt auf Gehwegen, zwischen Pflastersteinen, vor Hauseingängen, an Bushaltestellen und rund um Parkbänke. Besonders wohl fühlt er sich dort, wo gerade noch ein Mensch gestanden hat, der zwar genug Kraft besaß, eine Zigarette zehn Minuten lang zwischen zwei Fingern zu halten, beim letzten Zug jedoch plötzlich einen schweren körperlichen Zusammenbruch erlitt.
Für den Weg zum nächsten Mülleimer reicht die Energie dann leider nicht mehr.
🧬 Ein Wunder der spontanen Vermehrung
Der Stumulus zigarettus pflanzt sich angeblich nicht selbstständig fort. Trotzdem taucht er überall auf.
Kaum ist ein Exemplar auf dem Boden gelandet, liegen kurze Zeit später fünf weitere daneben. Offenbar verfügen Zigarettenstummel über eine geheime Form der Rudelbildung. Vielleicht senden sie Duftstoffe aus. Vielleicht rufen sie einander zu:
„Komm her, Kumpel! Hier wohnt einer, dem alles scheißegal ist.“
Natürlich wirft niemand seinen Zigarettenstummel auf die Straße. Fragt man nach, war es grundsätzlich keiner. Die Dinger müssen nachts aus den Schachteln kriechen und sich selbst anzünden.
Anders lässt sich ihre wundersame Ausbreitung kaum erklären.
👑 Der Mensch – die Krone der Wegwerfgesellschaft
Der Mensch hält sich bekanntlich für die Krone der Schöpfung. Er baut Computer, fliegt ins Weltall und entwickelt künstliche Intelligenz. Nur an einer Aufgabe scheitert er seit Jahrzehnten zuverlässig:
Den eigenen Dreck bis zum nächsten Abfalleimer zu tragen.
Eine Zigarette wiegt ungefähr nichts. Trotzdem scheint ihr Filter nach dem Rauchen plötzlich die Masse eines ausgewachsenen Kühlschranks anzunehmen. Anders ist nicht zu erklären, warum manche Menschen ihn keinen einzigen Meter weiterbefördern können.
Also wird er fallengelassen.
Manche schnippen ihn mit einer eleganten Handbewegung auf die Straße. Fast wie ein kleiner Olympiasieg der Rücksichtslosigkeit. Danach geht man erhobenen Hauptes weiter und überlässt die letzten rauchenden Überreste der Allgemeinheit.
Irgendeiner wird es schon wegmachen.
Die Stadtreinigung. Der Hausmeister. Der Ladenbesitzer. Ein Anwohner. Vielleicht ein ehrenamtlicher Depp mit Müllzange.
Hauptsache, man selbst muss sich nicht mehr damit beschäftigen.
🧹 Der Boden ist kein Aschenbecher
Besonders faszinierend ist das Verhalten jener Exemplare, die direkt neben einem Mülleimer rauchen und den Stummel anschließend trotzdem auf den Boden werfen.
Das ist keine Unwissenheit mehr. Das ist eine bewusste Entscheidung.
Der Mülleimer steht sichtbar da. Er ist geöffnet. Er verlangt kein Passwort, keine Mitgliedschaft und auch keine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung. Man müsste lediglich den Arm ein kleines Stück in seine Richtung bewegen.
Doch selbst diese geringe gesellschaftliche Höchstleistung scheint manche Menschen völlig zu überfordern.
Vielleicht müsste man an jedem Mülleimer einen roten Teppich ausrollen. Dazu eine freundliche Stimme:
„Herzlichen Glückwunsch! Sie haben Ihren eigenen Müll selbst entsorgt. Die Zivilisation ist stolz auf Sie!“
🌍 Klein, aber keineswegs harmlos
„Ist doch nur ein kleiner Stummel“, heißt es gern.
Genau. Nur einer.
Und noch einer.
Und dort noch fünf.
Und am nächsten Tag wieder zehn.
So entsteht aus lauter kleinen Gleichgültigkeiten ein großes, dreckiges Gesamtbild. Der einzelne Filter mag winzig sein, aber die Haltung dahinter ist gewaltig:
Mein Genuss gehört mir – mein Abfall gehört euch allen.
Zigarettenfilter verschwinden nicht einfach, nur weil man wegschaut. Sie bestehen überwiegend aus Kunststofffasern, bleiben lange in der Umwelt und geben Schadstoffe an Boden und Wasser ab. Regen spült den Dreck in Gullys, Bäche und Flüsse. Was mit einer lässigen Fingerbewegung beginnt, landet irgendwann dort, wo es garantiert nicht hingehört.
Aber Hauptsache, vor dem eigenen Sofa ist es sauber.
🏡 Zu Hause geht es plötzlich
Das eigentlich Erstaunliche: Die meisten dieser Menschen werfen ihre Zigarettenstummel zu Hause nicht auf den Wohnzimmerteppich.
Niemand drückt die Kippe neben dem Couchtisch aus und sagt:
„Ach, das räumt morgen bestimmt die Gemeinde weg.“
Auf dem eigenen Balkon gibt es einen Aschenbecher. Im Auto sogar einen kleinen Behälter. Dort funktioniert das Prinzip Verantwortung plötzlich hervorragend.
Kaum betritt man jedoch den öffentlichen Raum, scheint eine wundersame geistige Verwandlung einzusetzen:
Was allen gehört, gehört offenbar niemandem. Und was niemandem gehört, darf man behandeln wie einen Schweinestall.
Dabei gehört die Straße sehr wohl jemandem – nämlich uns allen.
🐖 Selbst das Schwein würde sich beschweren
Der Begriff „Drecksau“ wäre an dieser Stelle übrigens eine Beleidigung für jedes Schwein. Schweine sind intelligente Tiere und beschmutzen ihren Schlafplatz normalerweise nicht freiwillig.
Der Mensch dagegen besitzt Verstand, Bildung und zwei funktionierende Hände – und schafft es trotzdem, seinen Müll genau dort fallen zu lassen, wo er selbst und alle anderen täglich entlanggehen.
Vielleicht sollte die Wissenschaft ihre Einteilung überdenken.
Nicht Homo sapiens, der weise Mensch.
Sondern Homo bequ Sekkelus, der gemeine Bequemlichkeitstrottel: körperlich grundsätzlich leistungsfähig, gesellschaftlich jedoch schon mit einem Zigarettenfilter überfordert.
🚮 Eine revolutionäre Lösung
Die Bekämpfung des Stumulus zigarettus erfordert weder neue Gesetze noch teure Forschung. Wir brauchen keine Konferenz, keinen Arbeitskreis und kein buntes Hinweisschild mit fünf Behördenlogos.
Die Lösung ist erschreckend einfach:
Kippe ausmachen. Einstecken oder zum Aschenbecher bringen. Richtig entsorgen.
Das dauert nur wenige Sekunden.
Wer dazu nicht bereit ist, hat kein Entsorgungsproblem, sondern ein Anstandsproblem.
Denn Rücksicht zeigt sich nicht in großen Sonntagsreden über Umwelt, Heimat und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie zeigt sich in den kleinen Momenten, in denen niemand zusieht.
Zum Beispiel dann, wenn die Zigarette aufgeraucht ist und man entscheiden muss, ob man sich wie ein verantwortungsvoller Mensch verhält – oder wie der letzte Depp.
Robert Webers „ekliger Gelbling“ ist deshalb mehr als ein weggeworfener Zigarettenstummel. Er ist ein kleines Denkmal für eine große Gleichgültigkeit.
Und leider wächst dieses DIm Volksmund wird er auch „der eklige Gelbling“ genannt.
Eine erstaunlich anpassungsfähige Spezies
Der Stumulus zigarettus gehört zur Familie der urbanen Dreckbewohner. Er besiedelt bevorzugt Gehwege, Hauseingänge, Bushaltestellen, Parkbänke und öffentliche Plätze.
Besonders häufig tritt er in unmittelbarer Nähe von Mülleimern und Aschenbechern auf.
Warum er ausgerechnet dort nicht hineinfindet, konnte von der Forschung bislang nicht abschließend geklärt werden.
Seine natürlichen Verbreitungshelfer wären körperlich durchaus in der Lage, ihn ordnungsgemäß zu entsorgen. Beobachtungen zeigen jedoch, dass deren Armkraft unmittelbar nach dem letzten Zug schlagartig nachlässt.
Die Finger öffnen sich.
Der Stumulus fällt zu Boden.
Anschließend entfernt sich sein Wirt meist rasch vom Ort des Geschehens und vermeidet jeden Blickkontakt.
Dieses Verhalten wird in der Fachsprache als akute Verantwortungslähmung bezeichnet.
Die erste Kolonie
Robert Weber beginnt, die nähere Umgebung zu untersuchen. Schon nach wenigen Metern entdeckt er weitere Exemplare.
Eines liegt am Rand des Gehwegs. Drei weitere haben sich unter einer Parkbank angesiedelt. Eine besonders große Kolonie befindet sich vor einem Hauseingang.
Die Tiere scheinen sich bevorzugt in Gruppen aufzuhalten.
Erstaunlich ist ihre hohe Vermehrungsrate. Wo morgens nur ein einziges Exemplar liegt, können bis zum Abend zehn oder zwanzig weitere auftauchen.
Eine selbstständige Fortpflanzung gilt als unwahrscheinlich. Stattdessen vermuten Forscher eine enge Verbindung zum Homo bequ Sekkelus, einer weitverbreiteten Unterart des Menschen.
Dieser kann eine volle Zigarettenschachtel problemlos über mehrere Kilometer mit sich führen. Nach dem Rauchen ist er jedoch außerstande, einen fast gewichtslosen Filter bis zum nächsten Abfalleimer zu transportieren.
Ein evolutionäres Rätsel.
Das Verhalten des Wirts
Um mehr über die Entstehung des Stumulus zigarettus zu erfahren, richtet Weber seinen Blick auf einen vorbeikommenden Menschen.
Das männliche Exemplar bleibt stehen und greift in seine Jackentasche. Es entnimmt eine Zigarette, führt sie zum Mund und entzündet sie.
Mehrere Minuten verharrt es in dieser Position.
Dann geschieht es.
Die Zigarette ist aufgeraucht. Der Mensch blickt kurz nach links und rechts. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich ein Mülleimer.
Doch anstatt sich ihm zu nähern, schnippt das Exemplar den glimmenden Rest mit einer geübten Bewegung auf den Boden.
Der Vorgang dauert weniger als eine Sekunde.
Der Mensch setzt seinen Weg fort.
Zurück bleibt ein junger Stumulus zigarettus, der noch schwach vor sich hin raucht.
In freier Wildbahn ist dies ein bewegender Moment: die Geburt eines neuen Dreckbewohners.
Für die Anwohner ist es eher ein weiterer Beweis dafür, dass manche Menschen zwar Feuer machen können, ansonsten aber nur knapp über dem Entwicklungsstand einer nassen Semmel liegen.
Tarnung und Schutzmechanismen
Der Stumulus zigarettus verfügt über eine ausgezeichnete Tarnung. Seine Farben ähneln dem verschmutzten Stadtpflaster. Dadurch wird er von vielen Passanten kaum wahrgenommen.
Andere sehen ihn durchaus, steigen jedoch darüber hinweg.
Manche treten sogar darauf und drehen den Fuß mehrmals, vermutlich um sicherzustellen, dass sich der glimmende Inhalt gründlich im Pflaster verteilt.
Danach gehen sie zufrieden weiter.
Das Tier besitzt keine natürlichen Feinde. Lediglich Straßenkehrer, Hausmeister, Geschäftsleute und freiwillige Müllsammler stellen eine Gefahr für seinen Bestand dar.
Diese entfernen täglich große Mengen der Population. Trotzdem gilt die Art keineswegs als bedroht.
Solange es rücksichtslose Menschen gibt, ist ihr Fortbestand gesichert.
Ein zähes kleines Wesen
Äußerlich wirkt der Stumulus zigarettus harmlos. Doch unter seiner papierartigen Hülle verbirgt sich ein Filter aus Kunststofffasern. In ihm sammeln sich Nikotin und zahlreiche weitere Schadstoffe.
Regen wäscht diese Rückstände aus. Sie gelangen in den Boden, in die Kanalisation und schließlich in Bäche und Flüsse.
Das kleine Wesen hinterlässt damit eine Spur, die weit über seinen ursprünglichen Fundort hinausreicht.
Sein Erzeuger bekommt davon nichts mehr mit.
Der befindet sich längst zu Hause und beschwert sich möglicherweise darüber, dass die Stadt immer dreckiger wird.
Das rätselhafte Verhalten in geschlossenen Räumen
Besonders verblüffend ist, dass der Stumulus zigarettus in privaten Wohnungen kaum vorkommt.
Menschen, die draußen bedenkenlos ihre Zigarettenreste auf den Boden werfen, entsorgen sie zu Hause meist sorgfältig in einem Aschenbecher.
Keiner wirft seine Kippe auf den Wohnzimmerteppich.
Keiner drückt sie auf dem Küchentisch aus.
Keiner schnippt sie hinter das Sofa und wartet darauf, dass am nächsten Morgen die Stadtreinigung erscheint.
Daraus schließen Forscher, dass der Wirt grundsätzlich zur ordnungsgemäßen Entsorgung fähig ist.
Er tut es nur nicht, sobald der Dreck vor den Füßen anderer Menschen liegt.
Es handelt sich demnach nicht um mangelnde Intelligenz, sondern um eine besonders ausgeprägte Form gesellschaftlicher Gleichgültigkeit.
Wobei mangelnde Intelligenz als Begleiterscheinung nicht vollständig ausgeschlossen werden kann.
Die wissenschaftliche Erkenntnis
Nach mehreren Wochen intensiver Beobachtung veröffentlicht Robert Weber seine Forschungsergebnisse.
Der Stumulus zigarettus ist kein eigenständiges Tier. Er kriecht nicht, fliegt nicht und vermehrt sich nicht von allein.
Er wird gemacht.
Jedes einzelne Exemplar ist die Hinterlassenschaft eines Menschen, der entschieden hat, dass seine Bequemlichkeit wichtiger ist als die Sauberkeit seiner Umgebung.
Der eklige Gelbling ist damit weniger eine biologische Art als vielmehr ein sichtbares Symptom.
Er zeigt, wo Verantwortung endet.
Er markiert jene Stellen, an denen Anstand und Rücksicht auf dem Boden ausgedrückt wurden.
Und er erinnert uns daran, dass eine Stadt nicht deshalb verdreckt, weil es zu wenige Mülleimer gibt.
Sie verdreckt, weil es zu viele Menschen gibt, die sich benehmen, als wäre der öffentliche Raum der persönliche Aschenbecher ihrer Erbärmlichkeit.
Das Ende der Expedition
Die Sonne steht inzwischen hoch über der Donaugasse. Menschen gehen vorüber, Geschäfte öffnen und die Stadt nimmt ihren gewohnten Lauf.
Robert Weber betrachtet noch einmal seine Entdeckung.
Dann greift er nach einer Müllzange, hebt den Stumulus zigarettus auf und entsorgt ihn.
Wieder einmal beseitigt ein anständiger Mensch den Dreck eines anderen.
Die Donaugasse ist für einen kurzen Moment etwas sauberer.
Doch nur wenige Meter entfernt glimmt bereits das nächste Exemplar auf dem Pflaster.
Die Art ist nicht bedroht.
Ihr größter Beschützer bleibt der Mensch.
Genauer gesagt: jener Teil der Menschheit, der eine Zigarette bis zum letzten Zug tragen kann – aber am eigenen Anstand keinen Millimeter mehr.enkmal jeden Tag weiter.
